Das Interview: Chronologie einer Vergewaltigung und die Folgen

Darf man mit einem Vergewaltigungsopfer öffentlich reden? Man darf nicht nur, man muss sogar, wenn der Rechtsstaat versagt und dem Opfer auf subtile Weise die Täterrolle vermittelt wird, und es die Tat bei jedem Verhör immer wieder neu durchleben muss. Insbesondere dann, wenn die betroffene Frau das auch ausdrücklich wünscht, weil sie anderen Betroffenen damit helfen will.

Die Täter im hier geschilderten Fall, ich greife vorweg, wurden mit lächerlich geringen Bewährungsstrafen noch regelrecht belohnt, obwohl sie das Opfer nicht nur sexuell missbraucht, sondern auch fast noch umgebracht hätten. Nach einer regelrechten Vergewaltigungsorgie stachen sie mit einem Messer mehrfach auf sie ein. Wie sich im Verlauf der Ermittlungen seinerzeit herausstellte, wohnten die Täter im direkten Umfeld. Die Frau überlebte den Mordversuch, lebt aber bis zum heutigen Tag und nach mehr als 12 Jahren danach noch mehr schlecht als recht mit den seelischen Wunden. Abgehandelt von einer flachen Justiz und emotional allein gelassen.

„Das Vergewaltigungsopfer“ ist eine junge Frau, Mutter von Kindern und Ehefrau, die vor 12 Jahren nur einen Fehler beging: Sie war nicht vorbereitet mit entsprechendem Werkzeug, um sich gegen die Gewaltfantasien zu schützen.

Die Frau hat sich an mich gewandt, weil sie damit ein Zeichen setzen wollte. Man darf nicht wegschauen und alles allein einer Justiz überlassen, die wohl offenbar überfordert ist damit. Sie will anderen Opfern Mut machen, ebenso Stellung zu beziehen und laut und deutlich zu sagen, wie sich das anfühlt. Name, Alter und Lebensumgebung bleiben anonymisiert.

Ich bitte die Leser, etwaige Rechtschreibfehler unberücksichtigt zu lassen und vor allem eines zu berücksichtigen; es ist ein sehr emotionaler, offener Bericht, der keine Rücksicht zu nehmen hat auf unwichtige Schreibformeln. Der Text wurde 1:1 übernommen, so wie er vom Opfer zur Verfügung gestellt wurde. Es ist die Erzählung des Opfers, nicht der Artikel eines um „Lorbeeren“ bemühten Autoren!

Frau M. kommt zu Wort:

  • Hallo  …. ich möchte dir sagen …ich wirke vl. nach außen hin robust ,aber innerlich fühle ich mich oft wie ein Toter…oft ist alles leer in mir ,ich denke immer wieder an diese abscheuliche Tat die mir angetan wurde.Ees ist zwar schon 12 Jahre her ,aber man kann so etwas nicht vergessen,so wie du es schreibst….Am Anfang habe ich es verdrängt bzw. nicht wahr haben wollenIch fühlte mich schmutzig,ich war bei vielen Psychologenaber keiner konnte sich in meine lage wirklich reinversetzen,von jedem hörte man nur …Zeit heilt alle Wunden..Aber nein das tut sie nicht !Ja, die äusserlichen Wunden schon, aber die psychischen bleiben dir ein Leben lang.Ich habe seit diesem Vorfall ständigen Waschzwang, was, glaube ich, nachvollziehbar ist,leide unter Depressionen und unter sehr starken Panikattaken.Ok, jetzt kommen wir zu meinem größten Albtraum…der Vergewaltigung…Wie gesagt, es war vor 12 jahren aber ich kann mich an jedes kleinste Detail erinnern.Es war im Herbst ..Ich ging von der Arbeit heim, es war ca.19 uhr….Ich mußte nicht weit nach Hause gehen und freute mich schon auf meine Kinder und meinen ehemann ..eben auf meine familie.

    Kurz bevor ich zuhause ankam passierte es…

    Wir hatten dort so einen kleinen Park durch den ich durch mußte,

    ich hörte zwar Geräusche hinter mir, aber dachte mir nichts dabei weil ich eigentlich kein ängstlicher Mensch bin…

    Auf einmal ging alles sehr schnell…

    Einer hinter mir und der andere von der Seite…

    Das schlimmste war das ich mich nicht mal ansatzweise wehren konnte da ich ,du glaubst es sicher nicht ,aber es war wirklich so ..ein Messer am Hals spürte und ich immer wieder bedroht wurde, „entweder du bist ruhig oder wir erledigen das“

    Im ersten Moment stockte mir der Atem,aber dann dachte ich an meine familie die mich ja schon erwartete und habe es über mich ergehen lassen(müßen),weil ich angst hatte das ich meine kinder nie wieder sehe,in so einem moment gehen dir so viele dinge durch denn kopf.

    Ich hoffte immer nur, hoffentlich ist das alles bald vorbei!

    Ich weiß nicht wie lange es dauerte denn in diesem Augenblick hat man kein zeitgefühl…

    Ich kann dir nur sagen das es nicht schlimmeres gibt und du alles machen mußt was von dir verlangt wird….

    Ich spürte dann nicht mal mehr ,wie soll ich es ausdrücken…..schmerz…keine ahnung..

    Es ist eigentlich nicht nachvollziehbar wenn es jemand noch nicht erlebt hat (was ich keinem menschen wünsche) als diese 2 dann mit mir fertig waren hörte ich nur wie sie sagten

    ..scheiße die hat uns ja gesehen..

    Auf einmal spürte ich im rechten rippenbereich einen stechenden Schmerz…dann wurde ich bewußtlos, weil ich sehr viel Blut verloren habe…

    Ich kam im krankenhaus dann wieder zu mir ..und da wurde mir gesagt das ich eine Notoperation hatte, da ich einen Lungenstich hatte und die rechte lunge hat sich mit blut gefüllt…

    Ja dann sah ich auch schon meinen mann ,polizei und alle die sich eben für mich in diesem moment interessierten..

    Den einzigen, den ich zu diesem zeitpunkt sehen wollte war natürlich mein mann,auf den ich heute noch sehr stolz bin… er hat sehr darunter gelitten,denn ich war ja nicht mehr ich selbst, aber er hat schritt für schritt mit mir und vielen Psychologen daran gearbeitet das ich wieder ein halbwegs natürliches leben führen kann.

    Tja und zum Thema polizei… die haben die Daten aufgenommen ,wer ,wie, was ,wann, wo… ist ja Standard….

    Ich konnte nicht sehr viele Angaben machen ..nur ausländischer akzent ….2 Männer…

    Über das Geschehene konnte ich nicht sprechen….ja und wo es eben passiert ist …aber sonst konnte ich ihnen nicht viel sagen….

    Nach 2 Wochen konnte ich das Krankenhaus verlassen..aber mit gemischten Gefühlen,denn ich hatte den puren verfolgungswahn ,was mir bis heute noch geblieben ist(leider) und das schlimmste daran war, das dich in so einem moment die polizei nicht in Ruhe lässt,weil du einfach in dich gekehrt bist und das ganze selbst noch verdrängst….

    Nach 5 Monaten mußte ich dann zur Polizei ,wegen diesem Geschehen ,denn sie hatten 2 Verdächtige…

    Ich glaubte es kaum ,

    sie legten mir Fotos vor und ich mußte auf eine Person zeigen die es hätte sein können

    Das kann sich keiner vorstellen, das man in diesem Augenblick das ganze nochmal durchlebt.

    Es war sehr schlimm für mich, aber mit Erfolg ,dachte ich zumindest…

    diese sch….. a……… wohnten nur zwei oder drei Gassen von mir entfernt und hatten es schon längst geplant ..haben sie bei der polizei und vor Gericht gestanden …..und jetzt kommt das beste ….ohne Lüge ..

    Als der Richter das Urteil verkündete habe ich geglaubt ich spinne…oder höre schlecht…

    Die bekamen beide eine Bewährungsstrafe… 6 monate auf 3 jahre ..

    Toll, oder? ich war verzweifelt, weil ich wußte, das die quasi gleich um die Ecke wohnen …

    Am Anfang ging ich keinen Schritt mehr ausser Haus,

    meinen job habe ich aufgegeben ,

    war mehrmals wegen Suizidversuchen im Krankenhaus ,

    meine ganze Familie litt darunter

    weil ich ,in mich gekehrt war… der einzige der mich aus dieser Scheiße rausholte, war mein Mann… er gab mir die Zeit die ich brauchte und für das danke ich ihm heute noch von ganzem Herzen…….denn jetzt geht es mir den Umständen entsprechend besser ..auch meinen Kindern danke ich sehr, denn sie haben mir den Sinn des Lebens wieder gezeigt……ja und dann sind wir aus der Stadt weggezogen ….und ich bin jetzt sehr glücklich auch mit diesem Erlebnis das ich hatte …..ich werde es zwar nie in meinem Leben vergessen aber ich muß damit leben und abschließend habe ich noch etwas zu sagen…..

    Ich verstehe unsere Justiz nicht ,denn die 2 haben Bewährung bekommen und ich …tja ich habe Lebenslänglich bekommen!!!!

    Falls du noch etwas wissen möchtest kannst du mich ruhig fragen, ich habe gelernt damit umzugehen….

    ich hoffe das ich dir mit meiner erfahrung weiterhelfen konnte

Nein, keine Fragen mehr, weil jede weitere nur unnötige Qual wäre!

Statt dessen bedanke ich mich für das Vertrauen, für die Offenheit und den Mut.

Mir ist vollkommen klar wie schwer es gefallen ist, die Erlebnisse erneut in Worte zu fassen.

Stellen wir offen und klar fest:

  • In den meisten europäischen Nationen denken Polizeibeamte auch heute noch nicht darüber nach, wie es einer Frau geht, die von Männern vergewaltigt wurde und dann Männern möglichst detailreich erzählen muss, was ihr passiert ist!
  • In den meisten europäischen Nationen werden Opfer zu Tätern gemacht, werden vor Gericht zur Schau gestellt und müssen sich von der anwaltlichen Verteidigung jener Täter auch noch vorwerfen lassen, selbst schuld gewesen zu sein. Wenn sie nicht und hätten sie mal und überhaupt, eine Frau soll doch nicht provozieren, wo doch jeder weiß, wie Männer darauf reagieren!
  • Die Justiz in den meisten europäischen Nationen befindet sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Was als Strafe ausgesprochen wird, ist in der Regel Urlaub und Erholung für Straftäter, die in ihrem realen Leben oftmals weder Fernseher, Bücher zur Bildung und sonstige Errungenschaften des modernen Lebens besitzen und sich erst recht nicht für die einfachsten Regeln zuvilisierten Miteinanders interessieren.

Aus moralischer Sicht kann es darauf nur eine Antwort geben:

Selbst wenn eine Frau zu Mitternacht nackt durch einsame Parks und Wälder spazieren würde, hätte kein anderer Mensch das Recht, sie in irgendeiner Form zu bedrängen, oder gar gegen ihren Willen anzufassen. Es ist aber jene widerwärtige Erscheinung einer Welt ohne Wertegemeinschaft die es nicht mehr für nötig hält, bedrängten Menschen zur Seite zu stehen. Man muss nur einen Blick werfen auf den „Katastrophentourismus“ bei schweren Verkehrsunfällen oder Naturkatastrophen. Man wartet regelrecht darauf, dass Haltungsnoten gezogen werden für die „Lage der Opfer“ oder deren „Entstellungsgrad“.

Rat, Hilfe und Unterstützung kann in dem Fall von einem der wenigen aktiven Vereine eingeholt werden:

Frauen helfen Frauen in Not e.V.

Zwar steht dieser Verein lediglich als Beratungsstelle für die Stadt und den Landkreis Konstanz zur Verfügung. Von dort aus sollten aber weiterführende Informationen möglich sein!

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