ZDE Ex-Muslime gegen die Islamisierung des Abendlandes

Der Zentralrat der Exmuslime hat die Lebensgeschichte von verfolgten Menschen veröffentlicht, die sich vom Islam losgesagt haben. Der Schleier war ihr Versteck und Gefängnis. Eines Tages dachte sie bei sich selbst: „Es gibt keinen Gott.“ Dann wartete sie. Gottes Strafe blieb aus. Mina Ahadi ist Ex-Muslima. Und Betül Ulusoys Position kann sie nicht verstehen. Sie kämpft gegen die Islamisierung in Deutschland.

Seitdem Mina Ahadi neun war, musste sie ein schwarzes Gewand tragen, das nur die Augen freiließ. Einen sogenannten Tschador, den sie „meine Einzelzelle“ nennt. Denn darunter, sagt sie, habe sie sich vom Treiben auf der Straße ausgegrenzt gefühlt.

Sie weiß also, wie es sich unter einem Schleier lebt. Weil sie eine Verbreitung von Kopftüchern in Deutschland befürchtet, hat sie für heute eine Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag angemeldet.

Als Ahadi Ende der 70er zum Medizinstudium in die iranische Stadt Täbris zog, legte sie noch am ersten Tag ihren Tschador ab. Als die iranische Revolution zur islamischen Revolution geworden war und die Mullahs angeordnet hatten, dass sich Frauen wieder verschleiern mussten, sagte sie sich: „Nie mehr zurück in die Einzelzelle.“ Eine folgenschwere Entscheidung.

Betül Ulusoys Position kann Mina Ahadi nicht verstehen

Nachdem sie an einem Protestmarsch gegen den Verschleierungszwang teilgenommen hatte, las sie tags darauf in der Universität ihren Namen auf einer Liste. Sie war exmatrikuliert worden. In den folgenden Monaten organisierten sie und sechs Freundinnen weitere Demonstrationen für Frauenrechte. Fünf ihrer Mitstreiterinnen sind hingerichtet worden. Ahadi selbst wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Sie schaffte es, sich unter einem Tschador von Täbris über Teheran in die Kurdengebiete durchzuschlagen. Der Schleier war ihr zum Versteck geworden.

Jetzt ist sie Ende 50. Eine Frau mit schwarzen kinnlangen Haaren und dicker Brille. In einem pinken Blazer sitzt sie in einem lärmigen Frühstückscafé in der Kölner Innenstadt. Sie lächelt freundlich-verschmitzt, während sie spricht. Dabei hat Mina Ahadi kein Verständnis dafür, wenn beispielsweise die Berliner Juristin Betül Ulusoy das Kopftuchtragen als Akt der Emanzipation ansieht. Ulusoy wollte einen Referendariatsplatz im Bezirksamt von Neukölln. Dort sah man ihr Kopftuch aber kritisch, vertröstete sie, bis der Fall geprüft war. Die 26-Jährige erfuhr große Solidarität, der Bezirk lenkte ein. Ahadi findet: „Das Kopftuch ist und bleibt ein Mittel zur Unterdrückung von Frauen.“

In Deutschland scheint sich eine Neubewertung dieses religiösen Kleidungsstücks durchzusetzen, die mit einer Neubewertung der Religion als Ganzes einhergeht. Manchen gilt das Tuch als Trend-Accessoire. Zum Beispiel berichtete eine große Zeitung kürzlich über Hijabistas, eine Untergruppe der Fashionistas, die, wie es anerkennend heißt, „Kopftücher mit Nerd-Brille aufpeppen“. Die Kette Mango hat eine Ramadan-Kollektion in ihrem Online-Handel, Mode für den Fastenmonat, der morgen beginnt.

Der Islam gehöre zu Deutschland, sagte die Kanzlerin im Winter, was ein wenig nach Sonntagsrede klang. Doch für seine friedlichen Ausprägungen scheint das bereits zu gelten. In dem Sinne hat das Bundesverfassungsgericht im März ein generelles Kopftuchverbot von Lehrerinnen für verfassungswidrig erklärt. Im Düsseldorfer Landtag wird dieser Tage darüber debattiert, wie genau das Urteil in Landesgesetze gegossen werden soll. „Lehrerinnen sind doch Vorbilder!“, sagt Mina Ahadi. Sie will sich wehren und ruft zur Demonstration auf.

Ahadi steht dem „Zentralrat der Ex-Muslime“ vor. Der Verein versteht sich, wie der Name nahelegt, als Kontrast zum „Zentralrat der Muslime in Deutschland“, der, wie sie erklärt, oft als quasi-offizielle Vertretung aller aus muslimischen Ländern stammenden Menschen wahrgenommen werde. Bei den Ex-Muslimen haben sich Männer und Frauen aus islamisch geprägten Ländern wie Iran, Algerien oder Bangladesch zusammengetan. Ihnen ist gemein, dass sie dem Glauben abgeschworen haben.

Bis heute steht ein falscher Name an ihrer Tür

Apostasie, wie das offiziell heißt, ist im Islam nicht vorgesehen. Die Religionszugehörigkeit wird vom Vater auf die Kinder vererbt. Wer sich von Allah abwendet, muss nach Ansicht radikaler Religionsgelehrter mit dem Tod bestraft werden. Viele aus ihrem Verein hätten Angst, sagt Ahadi, sich zu ihrem Unglauben zu bekennen. Sie zahlten zwar Mitgliedsbeiträge, blieben aber den Aktionen fern. Sie selbst bekam Morddrohungen, als sie sich vor acht Jahren dazu bekannte, nicht mehr gläubig zu sein. Da lebte sie längst in Deutschland. Monatelang stand sie unter Polizeischutz. Bis heute steht ein falscher Name an ihrer Tür.

Zur Jahresversammlung des Vereins sind ungefähr 50 Männer und Frauen ins Bürgerhaus des Kölner Stadtteils Zollstock gekommen. Ein Flachbau, umgeben von Siedlungshäusern. Keine Polizei vor dem Eingang und kein Alkohol an der abgewetzten Bar im Foyer. Letzteres liege nur daran, dass diejenige, die im Verein für die Verpflegung zuständig ist, plötzlich erkrankte, sagt die Frau hinter der Theke. Neben einem Klapptisch voller Bücher steht ein munterer, kahlköpfiger Mann, der sich als Hamed vorstellt und aus Kabul stammt. Die Bücher sind von afghanischen Autorinnen und Autoren, er hat sie selbst verlegt. Als Junge, sagt Hamed, habe er fünf Mal am Tag gebetet, beginnend im Morgengrauen, wie es Moslems vorgeschrieben ist. „Mit 15 habe ich zu meinem Vater gesagt: ,Brauchst mich nicht mehr zu wecken…’“

Mina Ahadi läuft zwischen den Mitgliedern umher, etwa gleichviel Männer wie Frauen. Als Heranwachsende, sagt sie, habe sie in ihrer Familie viele Diskussionen mitangehört. „Hat Darwin recht oder der Prophet Mohammed?“ Die Evolutionstheorie klang schlüssiger. „Irgendwann sagte ich zu mir selbst: Es gibt keinen Gott. Dann habe ich gewartet, ob etwas passiert.“ Die Strafe Gottes blieb aus.

Ahadi stellt sich neben Nazanin Borumand ans Rednerpult. Die beiden Frauen teilen sich den Vereinsvorsitz. Borumand ist eine zarte Frau um die fünfzig, Teheranerin, die nach Hamburg emigriert ist. Borumand ist nicht ihr richtiger Name und Ex-Muslima im Grunde nicht die korrekte Bezeichnung für sie. Sie habe nicht einmal als Kind an Gott geglaubt, sagt Borumand. Ihr Vater habe ihre Geschwister und sie vergeblich zu überreden versucht: „Betet mit mir. Wenn es Gott gibt, wird es euch nicht schaden. Wenn nicht, habt ihr wenigstens ein bisschen Bewegung.“

Die Sitzung beginnt wie in einem typisch deutschen Verein. „Wir haben 3800 Euro ausgegeben, keine Schulden“, sagt Borumand. „Unsere Facebook-Seite wird gut angenommen“, fährt sie fort, „auch wenn sie oft zugemüllt wird.“ Unter Müll fallen für Borumand die vielen Einladungen zu Pegida-Demonstrationen: „Wir würden dort herzlich aufgenommen.“ Soweit komme es noch, sagt sie. Auch wenn Pegida und seine Ableger geschrumpft sind, sitzen die Ex-Muslime seit dem Erfolg der Bündnisse zwischen den Stühlen. Pegida hat das Thema Islam-Kritik besetzt – und diese damit für alle, die nicht fremdenfeindlich sind, fast verunmöglicht. „Wir sind gegen den Islam, aber nicht gegen Muslime“, sagt Borumand. „Anstatt Geld für einen Islam-Studiengang auszugeben, würden wir damit Mädchen unterstützen, die aus patriarchalen Familien fliehen müssen.“

Die Offenheit der Deutschen gegenüber dem Islam macht ihr Angst

Die Gesellschaft positioniert sich zurzeit anders. Die gebürtige Algerierin Nadia Belaid, die für die Homepage der Ex-Muslime zuständig ist, erzählt aufgebracht von einer Diskussion mit dem Titel „Toleranz zwischen den Religionen“, die sie besuchte. Sie fand in Hamburgs „Patriotischer Gesellschaft“ statt, einem wuchtigen Backsteinbau in der Innenstadt, in dem sich das Hamburger Bürgertum trifft. Das erste Wort hatte der geladene Imam, der sagte, dass der Islam eine tolerante Religion sei. Daraufhin meldete sie sich: „Wenn der Islam tolerant ist: Warum darf ich als Frau keinen Andersgläubigen heiraten?“ Der Imam antwortete, dass er ihr das gerne in der Pause erklären wolle. Sie hakte nach: „Ich weiß, was der Grund ist. Viele andere hier nicht.“ Er solle es bitte jetzt erklären. Eine Zuhörerin wies sie zurecht: „Wenn er sagt ,in der Pause‘, dann respektieren Sie das!“

„Alles was der IS macht steht im Koran“

Nadia Belaid ist eine lebhafte Frau mit braunen Augen, Stupsnase und kurzen Locken; auch sie heißt in Wirklichkeit anders. Sie finde, sagt sie, die Offenheit, die liberale Deutsche dem Islam entgegenbringen, bedrohlich. Belaid hat den Koran mitgebracht, im arabischen Original. Er sieht zerlesen aus. „Ich krieg‘ die Krise, wenn es immer heißt, dass das, was der IS tut, nichts mit dem Islam zu tun habe. Alles, was die machen, steht hier drin!“ Sie wedelt das Buch durch die Luft, blättert es auf, um Textstellen zu suchen, die das Geschlechterverhältnis beschreiben. „Wenn ihr fürchtet, dass irgendwelche Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie“, liest sie vor, Sure 4:34, und fährt fort mit Sure 4:11: „Allah verordnet euch in Bezug auf eure Kinder: ein Knabe ist so viel wert wie zwei Mädchen.“

Zum Einwand, dass es auch in der Bibel frauenfeindliche und blutrünstige Passagen gebe, sagt sie nur: „Das Christentum finde ich auch nicht toll.“

Viele bei den Ex-Muslimen haben politische Biografien. Nadia Belaid hat als Studentin mit Kommilitoninnen algerische Dörfer bereist, um dort Frauen zu überzeugen, ihre Töchter zur Schule zu schicken, nicht ganz so jung zu verheiraten. „Mitunter“, sagt sie, „haben uns die Männer vertrieben. Sie warfen mit Steinen.“

Oft mussten Vereinsmitglieder ihre Heimat verlassen, weil sie gegen die Gesetze des Islam verstoßen hatten. Vielleicht sind sie deshalb oft unversöhnlich auch gegenüber gemäßigten Strömungen. Nadia Belaid galt einst als Vorbild: Sie war die erste Frau, die in Algerien als Ingenieurin auf einer Baustelle gearbeitet hat. Es sollte ein Fernsehbeitrag über sie gedreht werden. Doch als sie mit einem deutschen Kollegen eine Beziehung begann, wurde sie zur Ausgestoßenen. Ihr Chef rief sie zu sich. Kollegen hätten sich beschwert. Sie solle diskreter sein. „Und wenn ich nach 17 Uhr, wenn meine Arbeit hier vorbei ist, in einem Bordell schlafen wollte, dann könnte ich das tun“, antwortete sie trotzig. Ihr deutscher Freund wurde versetzt. Doch sie bekam keine Kündigung, obwohl sie darum bat und das Klima unter den Kollegen unerträglich war. Ohne Kündigungsschreiben konnte sie damals in Algerien keine neue Stelle annehmen. Belaid folgte ihrem Freund nach Hamburg.

Ex-Muslime haben sich in England, Schweden und Marokko zusammengeschlossen

Mina Ahadi musste zehn Jahre in einem Zeltlager kurdischer Partisanen leben. Nicht mal dort war sie sicher. Sowohl die iranische als auch die irakische Armee flogen Bombenangriffe auf das Camp. Nach einem Einschlag bemerkte Ahadi einen süßlichen Geruch. Sie hatten von Saddam Husseins Giftgas gehört. Sie lief aus dem Zelt und sah einen Bekannten von einem nahen Berg winken. Senfgas ist schwerer als Luft, das wusste sie, rannte hinauf. „Als wir wieder runterkamen, war alles tot: jeder Mensch, jeder Hund, jeder Baum.“ Das sei einer jener Momente gewesen, in denen sie sich gefragt habe, ob die Entscheidung richtig war: sich gegen eine Diktatur zu stellen.

Mittlerweile haben sich Ex-Muslime unter anderem in England, Schweden, Frankreich und Marokko zusammengeschlossen. Doch das Klima für Menschen, die muslimisch aussehen, aber atheistisch sind, hat sich verschlechtert, findet Mina Ahadi. Eine ihr nahe stehende Person sei kürzlich von jungen Männern angesprochen worden, warum sie denn kein Kopftuch trage.

Nach dem Treffen steht Ahadi in der Tür des Bürgerhauses und verabschiedet die Mitglieder. Sie strahlt eine Liebenswürdigkeit aus, die nicht zu ihrer harten Lebensgeschichte passt. Über Wien ist sie schließlich nach Köln gekommen, wo sie seitdem für das Recht auf Apostasie und gegen die Todesstrafe kämpft. Insofern mag sie den Ramadan, der jetzt bevorsteht. In der Zeit würden im Iran deutlich weniger Menschen hingerichtet.

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