Der BND und die Nazis

Wie es um die europäische- und insbesondere deutsche Demokratie steht, hat der Journalist Günther Lachmann bereits in einem bemerkenswert offenen Artikel auf Welt-Online deutlich gemacht. Die Demokratie zeigt Auflösungserscheinungen:

 Auflösungserscheinung der demokratischen Ordnung

Noch sehr viel bemerkenswerter ist aber der Skandal rund um den Bundesnachrichtendienst (BND), der zunehmend in das Radar der Weltpresse gerät. Warum verschiedene Leitmedien erst heute und nach dem NSU Skandal aufhorchen, ist eines der größten Rätsel der Zeitgeschichte, denn genügend verwertbare Informationen sind bereits seit Jahren verfügbar.

Beispielsweise, dass der ehemalige Generalmajor der Deutschen Wehrmacht, Reinhard Gehlen, den unmittelbaren Vorläufer des BND aufgebaut hat, dass der mit Kriegsverbrechern wie Klaus Barbie zusammengearbeitet hat und dass er gezielt ehemalige Nazi-Größen als Agenten angeworben hat. Es wundert nicht, dass zudem eine etliche hundert Personen umfassende Liste ehemaliger NSDAP Mitglieder existiert, die nach Ende des II Weltkriegs in die verschiedenen deutschen und österreichischen Parteien eintraten. Man darf ruhigen Gewissens fragen, ob die nationalsozialistische Gesinnung je aufgehört hat zu existieren und ob sie in der Tat auch heute noch Staat und Gesellschaft beeinflusst.

Auch dieser Bericht stammt bereits aus dem Jahr 2013, hat aber ob der aktuellen demokratischen Bekundungen der sogenannten Volksparteien nichts von seiner Aktualität verloren.

2010 hieß es unverfänglich im Spiegel, „BND will eigene Nazi-Verstrickung aufarbeiten

2013 nahm die Boulevardpresse genüsslich weitere Skandale rund um die Aktenvernichtung bezüglich der Beobachtungen der nationalsozialistischen Zelle NSU auseinander:

Skandal um Aktenvernichtung

Mit anderen Worten; verschiedene Leitmedien und die Boulevardpresse erzeugen den Eindruck, völlig überrascht und entsetzt zu sein über die Vorfälle und das ist der eigentliche Skandal im Skandal.

Gehen wir zurück in die Geschichte bis in das Jahr 1945 und zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Dritten Reichs. Ein gewisser Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht und Kriegsverbrecher, der sowjetische Gefangene weit abseits zivilisierter Verhaltensweisen behandelt hat, wirbt dort um Aufmerksamkeit, um der gerechten Strafe zu entgehen. Sehr erfolgreich wie man noch sehen wird.

Die Informationen, die in der freien Enzyklopädie Wikipedia verfügbar sind, sind teils nicht korrekt und teils nicht auf aktuellem Stand. Dennoch sind hier entscheidende Hinweise zu Gehlens Verhalten kurz vor Ende des II Weltkriegs zu finden, die einen Ansatzpunkt liefern:

Quelle: Wikipedia

Reinhard Gehlen (* 3. April 1902 in Erfurt; † 8. Juni 1979 in Berg am Starnberger See) war General der Wehrmacht, Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) des deutschen Generalstabs, Leiter der Organisation Gehlen und erster Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND).  Ab Oktober 1944 plante Gehlen für die Zeit nach dem Krieg. Dafür entwickelte er eine Hypothese, die sich später als richtig erwies: „Die Westmächte werden sich gegen den Verbündeten Russland wenden. Dabei werden sie mich, meine Mitarbeiter und meine kopierten Dokumente im Kampf gegen eine kommunistische Expansion benötigen, weil sie selbst keine Agenten dort besitzen.“

Anfang März 1945, rechtzeitig vor Kriegsende, ließ Gehlen die gesamten nachrichtendienstlichen Materialien von wenigen handverlesenen Mitarbeitern auf Mikrofilm vervielfältigen und, in wasserdichten Fässern verpackt, verteilt auf mehreren Bergwiesen, in den österreichischen Alpen vergraben. Vorher hatte Gehlen seine Familie von Liegnitz über Naumburg in den Bayerischen Wald versteckt, damit sie nicht sowjetischen Truppen in die Hände fiel. Mit seinen Mitarbeitern Wessel und Baun schloss er den „Pakt von Bad Elster“. Sie verabredeten eine geordnete Übergabe an die Amerikaner. Am 9. April 1945 hatte Hitler Gehlen entlassen, Gerhard Wessel wurde wie später 1968 beim BND sein Nachfolger. Schließlich verließ Gehlen am 28. April das Hauptquartier der Wehrmacht in Bad Reichenhall, versteckte sich auf der Elendsalm bei Miesbach und stellte sich zusammen mit sechs Offizieren in Fischhausen am Schliersee am 22. Mai 1945 amerikanischen Soldaten.

Hier beginnt dann die Geschichte von Nazi-Größen, die eine unheilvolle Allianz mit amerikanischen Geheimdiensten und der US Regierung selbst eingingen. Die im Wikipedia-Artikel erwähnten Dokumente waren wirklich Dossiers über verschiedene sowjetische Führungspersönlichkeiten. Im von Timothy Naftali veröffentlichten Buch „US-Intelligence and the Nazis“ werden die Vorfälle der damaligen Zeit genauer beleuchtet. Interessanterweise informiert der englische Wikipedia-Artikel nicht über dieses für die Vorfälle bedeutsame Buch.

Reinhard Gehlen offenbarte sich direkt nach seiner Inhaftierung durch amerikanische Offiziere als Experte für Sowjetfragen und bot dem Militär auch umfangreiches Datenmaterial über verschiedene sowjetische Führungspersönlichkeiten an. Die anfangs als eher bedeutungslos vom amerikanischen Militär eingestuften Informationen erhielten erst Brisanz durch die Befragung eines besonders engagierten Verhörspezialisten der USA. Der sorgte für die Weitergabe der Einzelheiten der Gehlen-Verhöre und fand Gehör auch bei den amerikanischen Geheimdiensten.

Die sahen sich aufgrund des aggressiven Vorgehens der Sowjets und insbesondere Stalins ohnehin einer Konfrontation mit dem Kommunismus gestellt. Er und seine engsten Mitarbeiter wurden in den Dienst des CIA gestellt und alle durften wieder zurück nach Deutschland, wo sie unverzüglich mit dem Aufbau einer geheimdienstlichen Behörde, dem Vorläufer des BND, begannen. Die Kontrolle seitens des CIA war eher lasch. Es reichte im Grunde die Versicherung Gehlens, keine Nazi-Verbrecher als Agenten in das neu zu spinnende Netzwerk einzubinden.

Ein frommer Wunsch, eine „herzige“ Bestätigung“ und dennoch warb Gehlen gezielt Kriegsverbrecher an. Unter anderem spielte auch der Kriegsverbrecher Klaus Barbie eine bedeutende Rolle, der zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nachgewiesen Kinder und Jugendliche eines rumänischen Waisenhauses bestialisch umbrachte. Jener zeitweiliger Kompagnon Klaus Barbie war sogar wegen verschiedener Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und dennoch wurde er in den Dienst der CIA aufgenommen:

Quelle: Wikipedia

Nikolaus „Klaus“ Barbie alias Klaus Altmann (* 25. Oktober 1913 in Bad Godesberg; † 25. September 1991 in Lyon) war ein mehrfach verurteilter SS-Kriegsverbrecher Er war als „Schlächter von Lyon“ bekannt. Im November 1946 ließ er sich im britisch besetzten Hamburg von einem Arzt die Blutgruppentätowierung entfernen. Wegen seiner Verbrechen wurde Barbie 1947 in Frankreich in Abwesenheit zum ersten Mal zum Tode verurteilt. Im selben Jahr wurde er Agent für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC und in dieser Funktion vom damaligen Hochkommissar John J. McCloy vor einer Auslieferung nach Frankreich bewahrt. Ab 1950 rekrutierte er in Deutschland Mitglieder für den später verbotenen rechtsextremen Bund Deutscher Jugend.

Mit Hilfe der USA emigrierte Barbie 1951 auf der sogenannten Rattenlinie unter dem Namen Klaus Altmann nach Bolivien und wurde später auch bolivianischer Staatsbürger. Nach dem Auftauchen von Ernesto Che Guevara in Bolivien waren Barbies Kenntnisse in der Partisanenabwehr wieder gefragt, und er arbeitete für das bolivianische Innenministerium im Rang eines Oberstleutnant ad honorem als Ausbilder und Berater der Sicherheitskräfte des Diktators Hugo Banzer Suárez.

Im November 1952 wurde Barbie in Lyon wegen Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung und gegen die Widerstandsbewegung im Jura der Prozess gemacht, und er wurde ein zweites Mal in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nach einem weiteren Prozess im November 1954 wurde Barbie wegen des Massakers von Saint-Genis-Laval und zahlreicher Erschießungen im Gefängnis Montluc in Lyon erneut zum Tode verurteilt.

Barbie wurde 1966 für den Bundesnachrichtendienst (BND) als Informant unter dem Decknamen Adler angeworben und blieb mindestens ein Jahr für ihn tätig. Er erhielt 500 Mark Monatshonorar, später auch zusätzliche Leistungsprämien und lieferte dem BND mindestens 35 Berichte aus Südamerika. Nur wenige Wochen nach der Anwerbung fungierte Barbie als Repräsentant des Bonner Unternehmens Merex AG von Gerhard Mertins, das im Auftrag des BND überflüssiges Material der Bundeswehr auf dem Weltmarkt absetzen sollte. Der Agent wurde als „intelligent“, „sehr aufnahme- und anpassungfähig“, „verschwiegen und zuverlässig“ bewertet. Als sich Hinweise auf eine Verstrickung an Kriegsverbrechen verdichteten, wurde Barbie unter einem Vorwand abgeschaltet.

Beate und Serge Klarsfeld gelang es Anfang der 1970er Jahre, nach einem Hinweis durch die Münchner Staatsanwaltschaft, Klaus Barbie in Bolivien aufzuspüren. 1972 scheiterte ein Entführungsversuch, der von dem französischen Revolutionstheoretiker Régis Debray und der deutschen Untergrundkämpferin Monika Ertl – mit Wissen von Serge Klarsfeld und des späteren demokratischen Innenministers Sanchez – vorbereitet worden war.

Gehlen wie auch Barbie sorgten mit ihrer nahezu expansiven Netzwerk-Geheimpolitik für eine Situation, die amerikanische Geheimdienste weitgehend abhängig machten von dem neu in Deutschland installierten Geheimdienst, der die Spionage von Verhalten und Strategien der Sowjetunion und anhängender Staaten zum Mittelpunkt machte.

Bekannt wurde die Anwerbeaktion von Nazi-Größen und Kriegsverbrechern erst Ende der 90er Jahre, als größere Mengen geheimer Dokumente in den USA der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Die führten letztlich auch zum Ausbau des sogenannten „Nazi War Crimes Disclosure Act“, ein von Präsident Clinton unterschriebenes Gesetz. Interessante Informationen hierzu liefert eine weitgehend unbekannte Webseite:

Nazi War Crimes Disclosure Act

Die dem amerikanischen Parlament angehörige Mary Ellen Reese hat sich für die Aufklärung der Verwicklung des CIA bei der Anwerbung von Kriegsverbrechern besonders stark gemacht. Letztlich sorgte sie mit ihrem Engagement für die Informationen, die heute in der Wikipedia über die „Organisation Gehlen“ zu finden sind:

Organisation Gehlen

Die Organisation Gehlen (umgangssprachlich Org) war ein im Juni 1946 von amerikanischen Besatzungsbehörden in der Amerikanischen Zone aus deutschem Personal, bestehend aus Resten der 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres (Abteilung Fremde Heere Ost), gebildeter Nachrichtendienst. Sie war die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ihr Sitz nach der Gründung war zunächst Camp King in Oberursel im Taunus. Sitz der Organisation war seit dem 6. Dezember 1947 die ehemalige „Rudolf-Heß-Siedlung“ in Pullach bei München. Dieses Datum verschaffte dem BND-Hauptquartier den Spitznamen „Camp Nikolaus“, das bis heute Standort des BND ist. Ende der 1940er Jahre umfasste die Organisation Gehlen rund 4.000 Mitarbeiter.

Auf ähnliche Weise recherchierte auch Christopher Simpson, der die Anwerbung von Nazi-Größen durch amerikanische Militärs und CIA aus einem ähnlichen Blickwinkel verfolgte und in seinem Buch „Blowback: America’s Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War“ deutlich machte.

Interessanterweise hat der Nachrichtensender N24 bereits 2010 eine bemerkenswerte Dokumentation über die Zusammenhänge rund um Anwerbungen von Reinhard Gehlen, Klaus Barbie und weiterer Nazi-Größen zusammengestellt, die noch heute als frei verfügbares Video auf der Plattform Youtube verfügbar ist:

Die CIA und die Nazis

Wie enorm die Dimensionen sind, zeigt auch eine Liste mit Namen der Politiker, die als einstige NSDAP Mitglieder direkt nach Ende des II Weltkriegs in die „demokratischen Parteien“ einzogen und dort ungehindert ihrer Arbeit nachgingen:

Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren

Je mehr Informationen über die Vorfälle kurz nach Ende des II Weltkriegs bekannt werden, umso mehr Fragen stellen sich und umso häufiger darf man sich fragen, was genau eigentlich passiert ist. Mir zumindest verursacht der Gedanke Übelkeit, dass die „Organisation Gehlen“ direkter Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes war. Die naheliegendste Vermutung über Zusammenhänge zwischen deutschen Nachkriegspolitikern, amerikanischen Geheimdiensten und der US Regierung ist unter anderem auch das Engagement des ersten Nachkriegsbundeskanzlers Konrad Adenauer, der bekanntlich Sätze sagte wie „wir brauchen diese Verwaltungsfachleute“. Immerhin war das der Süddeutschen auch einen interessanten Artikel wert:

Lückenhafte Entnazifizierung

Quellen:

CIA Akte Gehlen – 2001 freigegeben
US-Intelligence and the Nazis
„Future Federal Military Security and Intelligence Agencies“
Blowback: America’s Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War
Berichte über landesverräterische Aktivitäten eines späteren Chefs des Bundesnachrichtendienstes
Das Erbe von „Fremde Heere Ost“. Vor 50 Jahren: Aus der „Organisation Gehlen“ entsteht der Bundesnachrichtendienst (BND)
Alte Kameraden und kalte Krieger. Ex-Nazis zwischen Ost und West